Der Stern, der in Czernowitz aufging. Joseph Schmidt (1904–1942) zum Gedächtnis

Am 16. November jährt sich der Todestag von Joseph Schmidt zum 75. Mal. Der geniale lyrische Tenor aus dem Bukowiner Dorf Dawideny (heute Dawydiwka) brachte mit seiner bemerkenswerten Stimme nicht nur sich selbst zu Ruhm, sondern auch Czernowitz.

Portrait Joseph Schmidts

Denn Czernowitz ist die Stadt, in der Joseph Schmidts steile Kariere im Knabenchor des Israelitischen Tempels begann, aber leider war die Schaffenszeit des Sängers zu kurz. Hier, in der Stadt am Pruth, entwickelte er sich schon früh zu einem virtuosen Meister der jüdischen Psalmodie und für einige Zeit war er sogar der Kantor des Tempels.

So ist es nur logisch, dass Joseph Schmidt auch sein erstes offizielles Konzert in Czernowitz gab. Es fand Anfang November 1924 in der Konzerthalle der Musikgesellschaft statt (heute das Gebäude der Czernowitzer Oblast-Philharmonie).

Hierher, in seine Heimatstadt, wo die ihm vertrauten Menschen zurückblieben, während er eine nach der anderen der berühmtesten Opernbühnen der damaligen Zeit eroberte, kehrte er erst zurück, als er schon ein Weltstar war – im September 1933. Er kam nicht nur zurück, um seine Familie zu sehen, sondern auch um der Jüdischen Gemeinde der Stadt zu helfen, ein Kinderkrankenhaus zu Ende zu bauen. Aber ebenso wollte er einem Arzt des städtischen jüdischen Spitals in die Augen sehen, der dem damals an Halsschmerzen erkrankten, noch unbekannten jungen Mann sarkastisch vorausgesagt hatte, dass aus ihm nie ein Sänger werden könne.

Ankündigung des Konzerts von Joseph Schmidt in Czernowitz in der Ostjüdischen Zeitung vom 13. September 1933

Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, welche Furore die Ankündigung des einzigen Konzertes Joseph Schmidts unter dem Czernowitzer Publikum auslöste. Um es allen zu ermöglichen, die Stimme des berühmten Sohnes der Stadt zu hören, erschufen die Czernowitzer Radiopioniere ein technisches Wunder: über Radiowellen wurde der Auftritt des Sängers live aus der Konzerthalle der Musikgesellschaft in den großen Saal des Jüdischen Haus übertragen.

Danach besuchte der weltbekannte Tenor und Filmstar Joseph Schmidt noch dreimal seine Heimatstadt: im Dezember 1935 aus Anlass der Hochzeit seiner Schwester Mariem; im November 1936 gab er ein Konzert in der „Scala“ (heute Akademitschnyj palac) zu Gunsten des „Vereins zur Bekämpfung der Tuberkulose der jüdischen Bevölkerung der Bukowina“; im Sommer 1938 hielt sich der Sänger incognito in Czernowitz auf, um seiner Mutter zu helfen, wichtige Dokumente vorzubereiten, um das unruhige Rumänien in Richtung Westeuropa verlassen zu können.

Jeder, der den    Sänger persönlich kannte, wunderte sich, wie bescheiden, offen und unbeeindruckt von den Verlockungen des Ruhmes er war. Aber nur die engsten Freunde wussten, wie schwach, lebensunpraktisch und unglücklich der „kleine Mann mit der großen Stimme“ im Privatleben war.

Standbild aus dem Film „Ein Stern fällt vom Himmel“

The still from the movie “A Song Goes Round the World”

Aber das größte Unglück Joseph Schmidts war, dass seine Sternstunde mit der Periode der europäischen Geschichte zusammenfiel, in der die menschliche Grausamkeit zuvor unbekannte Formen und Ausmaße erreichte. In nur wenigen Jahren wurde das Idol von Millionen zu einem verfolgten und gedemütigten jüdischen Flüchtling gemacht – ohne Familie, ohne Freunde, ohne Dokumente.

Zum letzten Mal erklang die unvergleichliche Stimme Joseph Schmidt am 16. November 1942 in einem kleinen Hotel im Schweizerischen Städtchen Girenbad. In einem Internierungslager für Flüchtlinge verbrachte der 38-jährige Schmidt seine letzten Tage. Hier, in einem für ihn fremden Land erlosch sein heller Stern vorzeitig – der Stern, der in Czernowitz aufging.

Der Stern Joseph Schmidts auf dem Bukowiner „Walk of Fame“ in Czernowitz

 

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